Wenn von einer „Knochenmarkspende“ die Rede ist, taucht oft ein bestimmtes Bild auf: das einer schweren Operation, einer Nadel, die in die Wirbelsäule gestochen wird, eines beängstigenden Eingriffs. Und doch ist es in der Praxis ein deutlich besser geregelter und fast routinemäßiger Weg, als man vermutet. Wie läuft es also wirklich ab?

Knochenmark – ein Gewebe, das oft verwechselt wird

Fangen wir mit einem hartnäckigen Missverständnis an, denn es erklärt einen Großteil der Ängste: Das Knochenmark hat nichts mit dem Rückenmark zu tun, jenem langen Nervenstrang, der entlang der Wirbelsäule verläuft. Das Knochenmark ist ein weiches Gewebe im Inneren bestimmter Knochen. Genau dort entstehen die hämatopoetischen Stammzellen, aus denen alle Blutzellen hervorgehen – die roten Blutkörperchen, die Sauerstoff transportieren, die weißen Blutkörperchen, die uns gegen Infektionen verteidigen, und die Blutplättchen, die Blutungen stoppen. Mit anderen Worten: eine stille Fabrik, die Tag und Nacht läuft, ohne dass wir daran denken.

Auch im Nabelschnurblut, das bei der Geburt entnommen wird, finden sich diese Stammzellen. Eine wertvolle Ressource, die aber bei Weitem nicht alle Bedarfe abdeckt. Deshalb ist ein möglichst breites Register erwachsener Spenderinnen und Spender so wichtig.

Harzmodell eines aufgeschnittenen Knochens mit sichtbarer Markhöhle, auf hellem Leinen liegend
Im Inneren des Knochens: ein lebendiges Gewebe, das die Blutzellen bildet

Wenn diese Fabrik stillsteht

Bei manchen Menschen gerät diese innere Fabrik aus dem Takt oder stellt ihre Arbeit ein. Zu den möglichen Ursachen gehören akute oder chronische Leukämien, bestimmte Lymphome, eine Knochenmarkaplasie – also das Aussetzen der Knochenmarksfunktion –, ein schwerer Immundefekt bei Säuglingen oder auch eine erbliche Störung der Bildung roter Blutkörperchen.

Wenn die üblichen Behandlungen nicht mehr ausreichen, kann eine Transplantation in Betracht gezogen werden. Das Ziel: ein Immunsystem wieder aufzubauen, das funktioniert. Die derzeitige Datenlage legt nahe, dass die Prognose stark vom Zeitpunkt der Transplantation und von der Verträglichkeit zwischen Spenderin und Empfänger abhängt – eine Verträglichkeit, die wesentlich auf genetischen Markern beruht. Daher braucht es ein sehr vielfältiges Register.

Anonyme Analyseröhrchen, in einem Metallständer aufgereiht, in weichem natürlichem Licht
Jede neue Spenderin und jeder neue Spender erhöht die Chance auf ein passendes Profil

Wie eine Spende konkret abläuft

Erster Schritt: sich im nationalen Register anmelden. In Deutschland koordinieren die DKMS und das Zentrale Knochenmarkspender-Register Deutschland (ZKRD) das Geschehen. Aktuell gibt es zwei Verfahren. Die Stammzellspende über das Blut, auch Leukapherese genannt, nach einigen Tagen Injektionen, die die Stammzellen ins Blut bringen – das ist die häufigere Methode. Und die direkte Entnahme aus dem Beckenknochen unter Vollnarkose, die in bestimmten Fällen noch angewendet wird.

Die entnommene Menge legt das medizinische Team fest, unter anderem abhängig von der Empfängerin oder dem Empfänger. Das Knochenmark ist lebendiges Gewebe und regeneriert sich innerhalb weniger Wochen.

Junge Frau am Empfang eines Spendezentrums, eine Mappe in der Hand
Die Registrierung ist oft der erste Schritt eines Wegs

Die Risiken, ohne Beschönigung

Am Anfang steht eine Untersuchung: klinische Checks, Laboranalysen, Fragen zu Ihrer Gesundheit und Ihrem Lebensstil. Das ist kein Verhör, sondern eine echte Abwägung von Nutzen und Risiko. Ein unverzichtbarer Schritt, der sowohl die Spenderin als auch die Empfängerin schützt.

Tut das weh? Die wichtigsten Risikofaktoren betreffen die Narkose oder den Eingriff selbst. Infektiöse oder traumatische Komplikationen an den Punktionsstellen bleiben selten, sind aber nicht null. Deshalb gibt es eine Begleitung vor und nach der Entnahme.

Auf Seiten der Empfängerin oder des Empfängers wird die Transplantation durch eine Konditionierung vorbereitet – Chemotherapie oder Bestrahlung –, die das kranke Knochenmark zerstört. In diesem Zeitfenster werden keine lebenswichtigen Blutzellen mehr gebildet und die Person ist sehr verletzlich. Die Transplantation muss daher zügig erfolgen.

In Deutschland ist die Registrierung im Stammzellspender-Register in der Regel bis zum 55. Lebensjahr möglich und kostenlos. Alle mit der Entnahme verbundenen Kosten übernimmt die zuständige Einrichtung bzw. die Krankenkasse. Für eine Spende wird niemals bezahlt.

In der Praxis: Wie Sie sich auf den Weg machen

Wenden Sie sich an die DKMS oder informieren Sie sich auf der Website des Zentralen Knochenmarkspender-Registers Deutschland (ZKRD). Sie können sich registrieren lassen – oder einfach erst Ihre Fragen stellen, bevor Sie sich entscheiden. Nichts verpflichtet Sie, noch am selben Tag zu spenden.

Der Bedarf bleibt groß, besonders für bestimmte genetische Herkünfte, die im Register unterrepräsentiert sind. Bei Fragen zu Ihrer Gesundheit sprechen Sie mit einer Ärztin oder einem Arzt.

Quellen