Mal ehrlich: Die Flasche ist hübsch, das Etikett verspricht das Blaue vom Himmel – und Sie stehen morgens im Badezimmer und fragen sich, was Sie da eigentlich auf die Haut auftragen. Ein Serum, eine Tagescreme, ein Abschminkprodukt, ein Lippenbalsam, ein Parfüm: Die Sammlung wächst, und selten hat man sich die Zeit genommen, einmal nachzulesen, was drinsteckt. Bis dann irgendwann doch die Frage auftaucht, die man lange vor sich herschiebt: Was verbirgt sich wirklich in diesen Flaschen? Eine kleine Spurensuche, versprochen ohne unverständliches Fachchinesisch.

INCI-Liste lesen: der erste Reflex

In Europa laufen Sie zum Glück nicht völlig blind durch die Regale: Die Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 schreibt vor, dass die Inhaltsstoffe in absteigender Reihenfolge ihres Anteils aufgeführt werden – zumindest alle, die mit mehr als 1 Prozent enthalten sind. Das ist die besagte INCI-Liste, winzig klein auf der Rückseite der Faltschachtel, die man mit zusammengekniffenen Augen entziffert. Die Namen sind international standardisiert: Aqua für Wasser, Glycerin für Glycerin, Parfum für das Duftgemisch. Hat man den Dreh einmal raus, liest sich die Liste fast wie ein Rezept.

Junge Frau liest die INCI-Liste auf der Rückseite eines Cremetiegels in einem hellen Badezimmer

Ganz lückenlos ist sie allerdings nicht, und genau da wird es interessant. Über die genaue Konzentration sagt sie nichts, über die Qualität der Rohstoffe ebenso wenig. Hinter „Parfum“ können sich allein Dutzende Moleküle verbergen, und eine Formulierung, die mit „ohne zugesetztes Parfüm“ wirbt, ist nicht automatisch frei von Allergenen. Zwischen dem Versprechen auf dem Etikett und dem, was tatsächlich in der Flasche ist, klafft also mitunter eine kleine Lücke.

Drei Stoffgruppen, über die diskutiert wird

Seit den 2000er-Jahren geht es nicht mehr nur um akute Toxizität: Man fragt sich auch, was niedrige Dosen und eine langfristige Anwendung bedeuten. Drei Gruppen tauchen in der wissenschaftlichen und regulatorischen Diskussion immer wieder auf – und verdienen zwei Minuten Aufmerksamkeit.

Drei kleine Fläschchen aus klarem Glas, eine Schale mit weißem Pulver und eine Pipette auf einer beigen Steinfläche

Bestimmte Phthalate, die als Lösungsmittel oder Duftfixierer eingesetzt werden, stehen im Verdacht, hormonell wirksam zu sein. Bestimmte synthetische Moschusdüfte sind sehr persistent in der Umwelt und können sich in lebenden Organismen anreichern. Und bestimmte Alkylphenole wie Nonylphenol stehen ebenfalls im Verdacht, das Hormonsystem zu beeinflussen – dazu kommt ihre Toxizität für Wasserlebewesen. Drei Gäste, auf die man in der eigenen Pflegeroutine gut verzichten könnte.

Der Rahmen hat sich allerdings bewegt, und das ist eher beruhigend: Mehrere dieser Stoffe sind in Kosmetika inzwischen verboten oder eingeschränkt, und die REACH-Verordnung regelt ihre industrielle Verwendung. Eingeschränkt heißt aber nicht null – das ist die ganze Nuance, und genau solche Details sind der Grund, wachsam zu bleiben, ohne in Panik zu verfallen.

Labels und Tools: so behalten Sie den Überblick

Der Handgriff, der am meisten bringt, dauert 30 Sekunden: Sie scannen den Strichcode. Apps wie CodeCheck, der ToxFox des BUND, Yuka oder INCI Beauty entschlüsseln die INCI-Liste und vergeben eine Bewertung – praktisch, um zwei Cremes direkt im Regal zu vergleichen, solange man diese Bewertung nicht mit einer medizinischen Einschätzung verwechselt. Es ist eine Sortierhilfe, keine Diagnose.

Hände halten ein Smartphone, das den Strichcode einer Kosmetikflasche in einem hellen Badezimmer scannt

Bei den Labels: COSMOS Organic ist ein anerkanntes Bio-Siegel, das unter anderem von BDIH (Deutschland), Cosmébio und Ecocert (Frankreich) entwickelt wurde. Es schreibt einen Mindestanteil an Bio-Rohstoffen vor und macht Vorgaben zur Verarbeitung. Achtung: Ein Label zertifiziert Herkunft und Verfahren, nicht die Verträglichkeit für Ihre Haut. Und wenn ein konventionelles Produkt für ein konkretes Bedürfnis die bessere Wahl bleibt – ein gut dokumentierter UV-Filter zum Beispiel –, dürfen Sie das ohne schlechtes Gewissen so entscheiden: Bio ist eine Präferenz, kein Dogma.

Drei Reflexe vor der Kasse:

  1. Nach einem anerkannten Siegel suchen (COSMOS Organic, Ecocert, BDIH) statt nach „natürlich“, das reines Marketing ist.
  2. Nachfüllpackungen, Glas- oder Kartonverpackungen und europäische Produktion bevorzugen, wenn die Angabe vorhanden ist.
  3. Jedes neue Produkt 48 Stunden an einer kleinen Stelle testen, wenn Ihre Haut empfindlich reagiert.

Preise: was den Unterschied macht

Die Preisunterschiede hängen vor allem vom Vertriebsweg und von der Zertifizierung ab, nicht unbedingt von der Qualität der Rezeptur. Die folgenden Spannen sind eine grobe Orientierung, keine Festpreise – Rabatte und Sortimente unterscheiden sich je nach Kanal.

Im Drogeriemarkt (dm, Rossmann) kostet eine klassische Tagescreme oft nur wenige Euro. In der Parfümerie (etwa Douglas) oder im Reformhaus liegt eine COSMOS-zertifizierte Creme häufig zwischen 15 und 40 €. Ein Serum einer Nischenmarke eher zwischen 30 und 70 €. In der Apotheke oder online schwanken die Margen, Sonderangebote sind häufig: Rechnen Sie mit etwa 10 bis 50 € je nach Linie.

Was die Rechnung nach oben treibt: die Bio-Zertifizierung, patentierte Wirkstoffe, der Glasflakon. Was sie nicht nach unten treibt: die Zahl der Inhaltsstoffe – eine kurze Rezeptur ist nicht automatisch günstig. Der beste Einstieg ist, erst einmal ein einziges Produkt zu wechseln, nämlich das, das Sie täglich nutzen, statt das ganze Regal auf einmal auszuräumen.

Quellen