Sie haben es bestimmt mitbekommen: Die Wollknäuel sind vom hintersten Regal auf den Couchtisch gewandert, zwischen zwei Tassen hindurch, und die Nadeln schauen aus einer Tasche hervor. Stricken ist längst kein verstaubtes Hobby mehr, sondern eine Praxis junger Erwachsener – Geduld, Stil und Zeit für sich. Was sich verändert hat, ist die Absicht: Man strickt weniger, um einen Pullover zu sparen, sondern um des Tuns willen – und um ein Stück zu tragen, das sonst niemand hat.

Nadeln im Kleiderschrank

Die Renaissance kommt auch von den Laufstegen. Seit einigen Saisons kehren grobe Strickwaren, sichtbare Rippen und unregelmäßige Texturen in die Prêt-à-porter-Kollektionen zurück. Ein handgestrickter Pullover wirkt nicht mehr „auf dem Dachboden verstaut“: Er fällt gut über einer Rohjeans, passt zu einer weiten Hose und lässt sich in ein einfaches Layering einfügen. Ein selbstgestrickter Schal genügt, um ein schlichtes Outfit aufzuwerten.

Die Bewegung ist auch eine soziale. Die in den USA entstandenen Stricktreffs gibt es längst auch hierzulande: Man trifft sich einmal die Woche, tauscht Muster aus, wickelt Knäuel ab und plaudert dabei.

Junge Frauen stricken an einem Cafétisch, warme Abendstimmung
Stricktreffs finden einmal pro Woche statt

Was es bringt – ohne Versprechen

Was man weiß: Stricken beschäftigt die Hände und verlangt eine sanfte Aufmerksamkeit, die ein wenig von den Bildschirmen wegführt. Die aktuelle Datenlage deutet auf einen Effekt auf das empfundene Wohlbefinden hin – eine 2013 veröffentlichte Studie verbindet die regelmäßige Praxis mit besserem Empfinden und stärkerem sozialen Zusammenhalt. Was man noch nicht weiß: Als Behandlung taugt es nicht. Stricken heilt nichts. Es hilft, eine Wartezeit, einen Abend, eine Fahrt zu füllen.

Nahaufnahme einer Rippstrickmasche aus naturfarbener Wolle und der Holzstricknadel, die sie hält
Masche für Masche: eine regelmäßige Bewegung, die die Hände beschäftigt

Vorsicht ist jedoch beim Körper geboten. Längeres Sitzen, hochgezogene Schultern, über Stunden gebeugte Handgelenke: Das ist ein Risikofaktor für Verspannungen und Sehnenerkrankungen. Die BZgA weist darauf hin: Langes Sitzen ist nicht neutral. In der Praxis heißt das: Stehen Sie alle 45 Minuten auf und dehnen Sie Ihre Unterarme. Wenn sich ein Schmerz im Handgelenk oder im Daumen festsetzt, hören Sie auf und sprechen Sie mit einem Arzt oder einer Physiotherapeutin – die Diagnose gehört in professionelle Hände.

Für die Praxis merken Sie sich: Stricken ist eine sanfte Tätigkeit, keine Behandlung. Es ersetzt weder eine ärztliche Betreuung noch eine Therapie. Bei Gelenkschmerzen oder bekanntem Karpaltunnelsyndrom holen Sie zuerst professionellen Rat zu Bewegungen und Haltungen ein.

Anfangen, ohne viel auszugeben

Für ein erstes Projekt – Mütze, Schal, kleine Tasche – brauchen Sie wenig: ein Paar gerade Stricknadeln 4 oder 5 mm, ein Knäuel, einen Maschenmarkierer. Wollläden und Fachgeschäfte bieten Einsteigerkurse an; manche Marken verkaufen Kits mit Garn und Anleitung.

Nach einer Vorlage generiertes Produktbild: gerade Stricknadeln 4 oder 5 mm
Nach einer Vorlage generiertes Produktbild: gerade Stricknadeln 4 oder 5 mm
Gerade Nadeln aus Holz, ein Knäuel Naturwolle und ein Maschenmarkierer auf hellem Leinen
Für den Einstieg: ein Paar Nadeln, ein Knäuel, ein Maschenmarkierer

Bei den Fasern lohnt sich eine nachvollziehbare Wolle – achten Sie auf Marken, die Herkunft und Tierhaltung offenlegen, etwa mit einer Zertifizierung nach dem Responsible Wool Standard (RWS). Für Baumwolle steht GOTS für die biologische Herkunft der Faser sowie soziale und ökologische Kriterien. Der Oeko-Tex Standard 100 prüft Schadstoffe, sagt aber nichts über die Produktion der Faser aus: nützlich, aber kein vollständiges Ökosiegel. Am Ende des Lebenszyklus gilt: Wolle und Baumwolle sind biologisch abbaubar, Acrylgarn ist ein Kunststoff, der beim Waschen Mikrofasern freisetzt.

Budget

Rechnen Sie mit 5 bis 15 € für einfache Nadeln, 40 bis 120 € für ein Wechselnadel-Set, 5 bis 15 € pro Knäuel Naturwolle (50 g) und 3 bis 6 € für Acrylgarn. Ein Einsteigerkurs im Wollladen kostet 20 bis 50 €. Diese Spannen schwanken je nach Faser, Marke, Stadt und Verkaufsstelle: teurer im Fachgeschäft, günstiger im Discounter oder online, mit unterschiedlicher Faserqualität.

Quellen

  • BZgA – Empfehlungen zu Bewegung und Sitzverhalten (bzga.de)
  • Riley J., Corkhill B., Morris C., „The Benefits of Knitting for Personal and Social Wellbeing in Adulthood“, 2013
  • Creativa – Messe für Handarbeit in Dortmund
  • Textile Exchange – Responsible Wool Standard; GOTS (Global Organic Textile Standard); Oeko-Tex – Standard 100