Ein englischer Pressebericht, einer auf Französisch, dazwischen dieselbe Chanel-Kollektion – und in beiden Fällen taucht dasselbe Wort auf wie ein Geruch aus dem Dachboden: Wurzeln. Man hätte auf „Kühnheit“, „Bruch“ oder „Neuanfang“ gewettet. Stattdessen gewinnt „Herkunft“. Ein merkwürdiger Einfall, um Neues zu verkaufen: erst einmal zu zeigen, dass alles schon da war.

Dieselbe Schau, zwei Grammatiken

Auf der einen Seite des Atlantiks wird eine Geschichte erzählt: Das Haus schlägt das Buch seiner Gründerin Gabrielle Chanel wieder auf und macht aus dem Erbe ein Drehbuch. Auf der anderen Seite, in Frankreich, spricht man eher von Ateliers, von Handgriffen, davon, was eine Atelierleiterin seit zwanzig Jahren mit ihren Händen beherrscht. Dasselbe Thema, zwei Akzente – und im Kern dieselbe Reaktion.

Vintage-Chanel-Tweedjacke
Im Atelier wird der Besatz von Hand angenäht – ein überliefertes Handwerk, das zur Signatur wurde

Denn in beiden Fällen verlangt niemand mehr von dem Neuen, alles wegzufegen. Bei Chanel erbt Matthieu Blazy eine bereits aufgebaute Kulisse: Tweed, Jersey, das kleine Schwarze, Perlen. Seine Aufgabe ist nicht, sie abzureißen, sondern uns zu überzeugen, dass er sich darin bewegen kann. Und wenn die eigentliche Kühnheit heute gerade darin besteht, zu wissen, woher man kommt?

Gabrielle, ganz praktisch

Die Gründerin in Erinnerung zu rufen ist keine Marotte von Biografen. Es ist praktisch: Ihre Codes sind auf drei Meter Entfernung zu erkennen. Eine Chanel-Jacke erkennt man an ihrem kontrastierenden Besatz, an den aufgesetzten Taschen und an dieser in den Saum eingezogenen Kette, die das Unterteil beschwert und dem Fall Halt gibt. Dazu die Zweifarbigkeit des Schuhs, die Steppung der Tasche, Schwarz und Creme: Die Garderobe spricht für sich, ganz ohne Erklärkarton.

Schwarze gesteppte Tasche mit goldener Kette und Double-C-Verschluss auf Marmor
Die gesteppte Tasche mit goldener Kette: ein Klassiker, der die Jahreszeiten überdauert

Das Haus hat dafür übrigens nicht auf diese Saison gewartet. 1910 in der Rue Cambon eröffnet, baute es seine Legende auf funktionalen Stücken auf, die zu Klassikern wurden – Jersey für den Tag, das kleine Schwarze, die 2.55-Tasche, eingeführt im Februar 1955. Anders gesagt: Die „Wurzel“ ist kein Saisonthema, sondern der Katalog.

Warum der radikale Bruch nicht mehr zieht

Die Rede von der tabula rasa hatte ihre große Zeit. Ein Kreativdirektor kam, verkündete, er „erfinde alles neu“, und alle klatschten. Nur kommt heute die Frage schneller als das Lob: Und was passiert mit den Stücken, die man vor fünf Jahren gekauft hat?

Frau in schwarzem Kleid und Perlenkette, die sich in einem Kleiderschrankspiegel betrachtet
Die alte Garderobe gewinnt an Wert, wenn man sie wie einen Vermögenswert trägt

Dahinter steckt eine ganz einfache Logik. Der Secondhand- und Archivmarkt hat aus der alten Garderobe einen Vermögenswert gemacht: Ein Haus, das seine Vergangenheit verleugnet, entwertet nach und nach, was seine Kundinnen bereits besitzen. Herkunft beruhigt ebenso sehr, wie sie verführt. Zu prüfen bleibt eines: dass die Erzählung nicht dazu da ist, allzu zahme Entwürfe zu übertünchen. Wurzeln sind gut; der Baum muss aber auch Früchte tragen.

Und in Ihrem Kleiderschrank?

Man braucht kein Couture-Budget, um die Idee zu übernehmen. Der Reflex, der funktioniert: ein einziges Teil mit Besatz, getragen zu rohem Denim und einem weißen T-Shirt. Der Total Look dagegen macht aus Ihnen schnell ein Weihnachts-Cosplay – schick auf einer Einladung, weniger praktisch im Büro an einem verregneten Montag. Muss dafür der Anzug der Großmutter wieder raus? Nicht unbedingt: Eine Gürtelkette oder eine Strickjacke mit kontrastierendem Rand setzen den Akzent schon.

Zwei Einschränkungen bleiben. Alter Tweed verlangt echte Pflege: Das Futter muss nachgenäht, ausgeleierte Knopflöcher müssen versorgt, die Taille angepasst werden. Und eine strukturierte Jacke kann einer schlanken Silhouette zwar Halt geben, auf zierlichen Schultern aber schwer wirken – probieren Sie sie im Sitzen mit verschränkten Armen an, bevor Sie Ja sagen. Ein glänzender Besatz auf einer günstigen Jacke fällt außerdem schnell auf: Er glänzt wie eine Vorhangkordel.

Budget

Bei den Preisen sind die Unterschiede enorm. Rechnen Sie für eine Jacke mit kontrastierendem Besatz im regulären Prêt-à-porter mit etwa 60 bis 180 € – bei Handelsketten, mittelpreisigen Marken und Onlineshops. Im Kommissionshandel oder bei einem Händler für gebrauchten Luxus werden vintage Chanel-Tweedjacken je nach Jahr, Zustand und Größe oft zwischen 900 und 2.500 € gehandelt; makellose Stücke sind schnell weg.

Denken Sie auch an die Änderungsschneiderei: 25 bis 60 €, um ein Futter zu erneuern oder eine Taille enger zu machen – oft rettet genau das ein Secondhand-Fundstück. Und wenn das Budget gar nicht mitmacht, reicht auch ein metergenau gekauftes Besatzband, das Sie auf eine bereits vorhandene Jacke nähen – die günstigste Geste und die, die dem Begriff „Wurzeln“ am nächsten kommt.

Drei Fragen, bevor Sie bei einem Teil mit „Wurzeln“ zugreifen — Ist der Besatz gewebt oder geklebt? (Gewebt lebt er; geklebt löst er sich bei der ersten Reinigung.) — Hat der Saum Gewicht, oder schwebt er? — Und vor allem: Haben Sie schon genug dazu, um das Stück im Monat dreimal zu tragen? Wenn die Antwort Nein lautet, ist das Stück hübsch, aber nicht nützlich.