Vor dem Regal kennen Sie dieses Zögern wahrscheinlich nur zu gut. Zwei Cremes zum fast gleichen Preis – die eine wirbt in großen Buchstaben mit „natürlich“, die andere trägt ein grünes Logo, das Ihnen nichts sagt. Welche landet in Ihrem Einkaufskorb?

Bevor Sie zugreifen, lohnt sich eine Unterscheidung: Natürlich und bio sind nicht das Gleiche.

Natürlich und bio sind zwei Paar Schuhe

In der Kosmetik gibt es für „natürlich“ keine offizielle, eigenständige Definition. Das bedeutet allerdings nicht, dass eine Marke schreiben darf, was sie will: Die EU-Verordnung verlangt, dass kosmetische Aussagen wahr und belegt sind. Auch „biologisch“ ist im Kosmetikbereich nicht durch einen eigenen EU-Text definiert – die EU-Öko-Verordnung betrifft Lebensmittel, nicht Kosmetik. Ganz frei im Umlauf sind beide Begriffe also nicht, sie stützen sich aber nicht auf eine einheitliche offizielle Definition. Klar geregelt ist dagegen die Produktsicherheit über die europäische Kosmetikverordnung – und wenn es um Natürlichkeit geht, bringen private Regelwerke mehr Klarheit.

Genau hier kommen die Siegel ins Spiel. Ein anerkanntes Logo ist keine Dekoration, sondern ein schriftliches Lastenheft, eine unabhängige Zertifizierungsstelle und Kontrollen vor Ort. Drei Dinge, die Ihnen ein Marketingversprechen nie liefert.

Was ein Siegel wirklich garantiert

Eines der bekanntesten Siegel ist Cosmébio mit zwei Stufen. Das BIO-Siegel ist die strengere Variante: Es verlangt einen hohen Anteil an Inhaltsstoffen natürlichen Ursprungs, eine deutliche Mehrheit an Pflanzen aus biologischem Anbau und einen Mindestanteil an Bio-Inhaltsstoffen am Gesamtprodukt. Das ECO-Siegel liegt eine Stufe darunter. Die genauen Schwellenwerte finden Sie in der Charta des Trägers.

Daneben steht das europäische Regelwerk COSMOS, entstanden aus dem Zusammenschluss von Cosmébio, Ecocert, dem deutschen BDIH und weiteren Organisationen. Seine Variante ORGANIC setzt den Anteil an Bio-Inhaltsstoffen am Gesamtprodukt höher an. Der deutsche BDIH hat seine Kosmetik übrigens auf COSMOS umgestellt. Ihnen begegnen außerdem Natrue, internationaler aufgestellt, und Nature & Progrès, streng bei pflanzlichen Kriterien und bei der Herkunft der Rohstoffe.

Ein Punkt, auf den Sie achten sollten: Nicht alle Siegel garantieren dasselbe. Manche beziehen sich auf die Zusammensetzung, andere auf den Umweltaspekt, wieder andere auf den Verzicht auf Tierversuche. Ein grünes Logo sagt nicht alles – es sagt eine konkrete Sache, und es lohnt sich zu wissen, welche.

Eine INCI-Liste lesen

Gesetzliche Vorgabe: Inhaltsstoffe über 1 % müssen in absteigender Konzentration aufgeführt werden; alles ab 1 % oder darunter darf danach in beliebiger Reihenfolge stehen. Die ersten fünf Namen verraten Ihnen also das Wesentliche einer Formel. Der Rest – Konservierungsmittel, Duftstoffe, Allergene – steht am Ende, ist aber einen Blick wert. Die EU-Regelung weitet zudem die Liste der deklarationspflichtigen Duftallergene aus, mit gestaffelten Übergangsfristen je nach Produktkategorie.

Keine Lust, Kosmetik-Latein zu lernen? Zwei kostenlose Tools übernehmen das für Sie: die App CodeCheck und ToxFox vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).

Drei kurze Fragen, bevor Sie zahlen. Brauche ich dieses Produkt wirklich – oder würde ein simples Pflanzenöl den Job auch machen? Wie viele Inhaltsstoffe hat die Formel? Und gibt es dieselbe Referenz als Nachfüllpackung oder in fester Form? Dreimal Ja – dann haben Sie wahrscheinlich einen guten Kauf vor sich.

Was mehr zählt als die Jagd nach Inhaltsstoffen

Ich habe nicht alle hier genannten Produkte selbst getestet – das sage ich lieber gleich zu Beginn. Eines aber steht fest: Ein synthetischer Inhaltsstoff ist nicht von Natur aus ein Gift. Manche sind deutlich besser verträglich als schlecht dosierte ätherische Öle. Das eigentliche Problem ist die Unklarheit – eine Formel mit vierzig Inhaltsstoffen, von denen nur drei bio sind und die als „natürlich“ verkauft wird, bringt Ihnen nicht mehr als jede andere auch.

Schauen Sie außerdem auf die Galenik (Creme, Balsam, Öl), die Anwendung und die Häufigkeit. Ein Glasfläschchen, das mit sauberen Händen bis zum letzten Tropfen leer wird, tut Ihrer Haut mehr als eine luxuriöse Tube, die nach zwei Wochen in der Ecke liegen bleibt.

Nachfüllen, Glas, feste Form

Beim Thema Entsorgung bleiben die konkreten Hebel einfach. Eine Nachfüllpackung erspart eine neue Flasche, wenn Sie die Originalhülle weiterverwenden. Ein festes Shampoo oder ein fester Reinigungsbalsam wiegt weniger und kommt oft ganz ohne Plastikverpackung aus. Glas und Karton lassen sich recyceln, vorausgesetzt, die Sammelwege gibt es bei Ihnen vor Ort. Und eine lokale Produktion verkürzt den Transport – ein Argument, das Sie auf der Verpackung prüfen sollten und nicht nur in einer Instagram-Story.

Was es kostet

Rechnen Sie mit 6 bis 15 € für ein Bio-Hydrolat oder ein Pflanzenöl in 50 bis 200 ml. Eine zertifizierte Gesichtscreme mit 50 ml liegt in Drogerie, Apotheke oder Supermarkt eher bei 12 bis 25 € und steigt im Fachgeschäft auf 30 bis 60 €. Ein festes Shampoo kostet 6 bis 12 €, ein öliges Serum 15 bis 40 €.

Was den Preis nach oben oder unten treibt: die Kosten für Bio-Rohstoffe, die Zertifizierung, die Verpackung (Glas oder Kunststoff), die Flaschengröße und der Vertriebsweg. Der Reflex, der den Unterschied macht: Vergleichen Sie den Preis pro Milliliter, nicht den aufgedruckten Preis. Und wo kaufen? Supermarkt, Drogerie und Apotheke für die Einstiegsklasse, Naturkostläden und Markenshops für den Rest, Rohstoffhändler wie Manske oder Spinnrad, wenn Sie selbst formulieren möchten.