Dienstagabend, 23 Uhr – genau der Moment, in dem Sie seit zwanzig Minuten den Gedanken aufschieben, sich abzuschminken. Eine Leserin schrieb mir eines Abends in genau dieser Stimmung, leicht genervt: Sie hatte gelesen, man solle die Haut nachts „atmen lassen“, doch ohne Creme vor dem Schlafengehen wachte sie mit einem Gesicht auf, das spannte. Also, wer hat recht – die, die mit nackter Haut schlafen, oder die, die nie ohne ihren Tiegel ins Bett gehen? Ehrlich gesagt: beide. Und die Antwort steckt nicht im Tiegel, sondern darin, was Ihre Haut am Morgen erzählt.

Nachts arbeitet Ihre Haut (verliert aber Wasser)

Überall liest man, die Haut „ruhe“ nachts. Das ist falsch – oder vielmehr genau umgekehrt: Während Sie schlafen, steigt ihre Temperatur, die Durchblutung nimmt zu, und der unsichtbare Wasserverlust – das Wasser, das unbemerkt verdunstet – liegt über dem Tagesniveau. Die Folge: Ihre Hautbarriere wird zwischen Mitternacht und 4 Uhr morgens etwas durchlässiger. Der Talg folgt diesem Rhythmus überhaupt nicht: Er wird am Mittag am stärksten produziert, nicht um 2 Uhr nachts.

Junge asiatische Frau schläft auf der Seite im Bett, offene Haare, sanftes Licht der Nachttischlampe

Dazu kommt die innere Uhr der Haut. Studien zum zirkadianen Rhythmus der Haut setzen den Höhepunkt der Zellvermehrung in der Oberhaut auf den späten Nachmittag und den frühen Abend bzw. die erste Nachthälfte. Daher kommt die verführerische Idee der Pflege, „die wirkt, während Sie schlafen“! Prinzipiell stimmt das. Macht das die Pflege deshalb zur Pflicht? Nein.

Zwei Lager – keines liegt völlig falsch

Auf der einen Seite die Anhängerinnen des Abendrituals: Da die Haut abends durchlässiger sei, habe eine reichhaltige Textur mehr Zeit einzuziehen. Auf der anderen Seite die Anhängerinnen der nackten Haut: Zwischen Feuchtigkeitscreme, Serum, Sonnenschutz und Make-up bekommt die Haut tagsüber schon genug – warum also noch eine Schicht drauflegen?

Frau mit gemischten Wurzeln trägt vor dem Waschbecken eine Nachtcreme auf, Haare zu einem tiefen Dutt gebunden

Vergleicht man dermatologische Empfehlungen, bleibt ein Fazit in einem Satz: Es hängt von Ihrer Haut ab – und vor allem davon, wie sie sich nach dem Aufwachen anfühlt. Eine Haut, die spannt, schuppt oder rot wird, braucht nachts Fett und Feuchtigkeit. Eine fettige, aber angenehme Haut kann problemlos ohne Pflege schlafen.

Warum manche Wirkstoffe abends angewendet werden

Es gibt allerdings einen Fall, in dem der Abend keine Wahl, sondern eine Notwendigkeit ist: Retinoide. Retinol und Tretinoin sind licht- und sonnenempfindlich. Deshalb wendet man diese Wirkstoffe in der Regel abends an – mit Sonnenschutz am nächsten Morgen. Das ist eine allgemeine Information, keine Gebrauchsanweisung. Tretinoin ist ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel; in Deutschland erhalten Sie es in der Apotheke und sollten es unter dermatologischer Kontrolle anwenden. Bei Peelingsäuren ist es anders: Die erhöhte UV-Empfindlichkeit ist vor allem für AHA (Glykolsäure, Milchsäure …) belegt und gilt nicht unbedingt für BHA (Salicylsäure), die allgemein als nicht photosensibilisierend gelten. In jedem Fall bleibt Sonnenschutz empfohlen. Hier ist nicht die Nachtpflege unverzichtbar, sondern der Zeitpunkt, zu dem Sie sie auftragen.

Braunglas-Pipettenfläschchen mit Retinol-Serum neben Leinen, Licht am späten Nachmittag

Der Drei-Morgen-Test. Schlafen Sie drei Abende hintereinander nach der Reinigung ohne Pflege. Beobachten Sie sich morgens: Spannungsgefühl, feine Schuppung, Rötungen? Dann braucht Ihre Hautbarriere abends eine okklusive Pflege. Geschmeidige, angenehme Haut? Dann können Sie ohne Creme bleiben. Ein einziger Morgen reicht nicht aus, um zu entscheiden: Stress, Hormone, Heizung, kalkhaltiges Wasser und Ernährung verändern den Bedarf innerhalb weniger Tage.

Ihre Haut, Ihr Programm

Bei trockener Haut hilft eine nährende Nachtcreme – reichhaltiger an Fetten als eine Tagespflege –, das Spannungsgefühl am Morgen zu begrenzen. Man behält sie für abends, gerade weil sie einen glänzenden Film hinterlässt.

Bei Mischhaut ist die Falle eine zu reichhaltige Pflege: Sie erstickt die T-Zone (Stirn, Nase, Kinn), ohne die Wangen auszutrocknen. Besser: ein leichtes Fluid für das ganze Gesicht und bei Bedarf eine zusätzliche Schicht auf den Partien, die spannen.

Bei fettiger Haut müssen Sie nicht zusätzlich belasten: ein leichtes Serum, oder auch gar nichts. Der natürlich produzierte Talg schützt bereits. Eine nicht komedogene, mattierende Tagespflege bleibt jedoch sinnvoll.

Die Reinigung – der Schritt, der wirklich zählt

Die abendliche Reinigung ist nicht verhandelbar – auch wenn Sie danach keine Pflege auftragen. Umweltverschmutzung, Talg, Sonnenschutz, Make-up: All das bleibt auf der Haut und verstopft die Poren. Erst ein mildes Abschminkprodukt, dann ein seifenfreier Reiniger – ohne Reiben, ohne denaturierten Alkohol, der die Haut spannen lässt. Eine alkoholfreie Lotion kann den Rest erledigen. Und wenn Sie heute Abend nur eine einzige Sache tun, dann diese.

Bei den Formaten sind natürliche Optionen ziemlich clever: pflanzliches Abschminköl, festes Reinigungsstück, nachfüllbares Glasfläschchen. Das feste Produkt vermeidet die Plastikflasche, Unverpackt-Angebote begrenzen die Verpackung – vorausgesetzt, Sie schauen auf die Inhaltsstoffe; denn ein schlecht formuliertes Produkt mit dem Etikett „natürlich“ kann ebenfalls reizen.

Budget: Was Nachtpflege kostet

In deutschen Drogerien und Apotheken kostet eine einfache Nachtcreme grob zwischen 8 und 20 €. In Parfümerien und bei dermokosmetischen Marken liegt die Spanne eher zwischen 25 und 60 €, bei Luxusmarken auch über 80 €. Ein Retinol-Serum kostet häufig zwischen 20 und 45 €. Den Preis beeinflussen: die Wirkstoffkonzentration (Retinol, Niacinamid, Ceramide), das Format des Behältnisses, ob es eine Nachfüllung gibt, und der Vertriebsweg – Drogerie, Parfümerie, Apotheke oder Onlinekauf.

Hinweis: Ich teste nicht jede hier genannte Referenz. Es sind grobe Orientierungswerte aus Regalen und Online-Handel. Achten Sie vor allem auf den Behälter: Ein nachfüllbarer Tiegel oder ein Glasfläschchen hinterlässt weniger Abfall als ein Einweg-Kunststofftiegel. Bei den Labels regelt das COSMOS-Referenzsystem (COSMOS ORGANIC / COSMOS NATURAL), das unter anderem von Ecocert und Cosmébio getragen wird, den Anteil natürlicher und biologischer Inhaltsstoffe. Vorsicht aber: „Natürlich“ heißt nicht „risikofrei“. Ätherische Öle zum Beispiel können empfindliche Haut sensibilisieren. Und bei Retinoiden entscheiden vor allem Konzentration und Verträglichkeit: Hier kann eine gut dosierte konventionelle Rezeptur der beste Kompromiss bleiben – auch wenn Sie dann eine nachfüllbare Verpackung bevorzugen.

Quellen