Sie stehen im Drogeriemarkt, drehen die Flasche um – und dann: dreißig Zeilen lateinischer Namen in winziger Schrift. Sie stellen sie zurück und greifen zur nächsten, weil das große Versprechen vorn auf der Packung einfach klarer klang. Genau das habe ich jahrelang gemacht, bis ich begriffen habe: Die Liste auf der Rückseite ist der Ort, an dem ein Produkt ehrlich wird.
INCI ist keine Note, sondern eine Sprache
INCI steht für International Nomenclature of Cosmetic Ingredients: eine einheitliche, verpflichtende Bezeichnung für jeden Inhaltsstoff, in der gesamten EU. Geregelt ist die Liste durch die Kosmetikverordnung (EG) Nr. 1223/2009 – keine fantasievollen Übersetzungen, kein „patentierter Wirkkomplex“, hinter dem sich alles verstecken lässt, sondern normierte Namen.

Zwei Dinge sollten Sie im Kopf behalten. Die Liste sagt nicht, ob ein Produkt gut oder schlecht ist: Sie sagt, was drinsteckt. Und vor allem sagt sie, in welcher Reihenfolge.
Die Reihenfolge ist die wichtigste Information
Die Grundregel: Die Inhaltsstoffe werden in absteigender Konzentration aufgeführt. Der erste wiegt schwerer als der zweite, und so weiter bis zur 1-Prozent-Schwelle. Die ersten fünf oder sechs Namen erzählen also das Wesentliche über die Rezeptur. Eine Creme, die mit Aqua und dann Alcohol Denat beginnt, wird eine leichte Textur haben – möglicherweise austrocknend für Ihre Haut. Eine Creme, deren vierter Name eine Pflanzenbutter oder Squalan ist, deutet oft auf eine reichhaltige Pflege hin.
Der Haken sitzt bei der 1-Prozent-Schwelle. Darunter ist die Reihenfolge frei. Die „Schaufenster“-Wirkstoffe, also die, mit denen auf der Packung geworben wird, landen deshalb oft ganz am Ende – durcheinander. Häufig gilt: Ist Parfum unter 1 Prozent enthalten, können die danach folgenden Inhaltsstoffe niedrig dosiert sein; doch die Reihenfolge nach dieser Schwelle ist keine absolute Garantie.

Wirkstoff oder Duftstoff: die Trennung in zwei Sekunden
Ein Wirkstoff ist ein Inhaltsstoff mit einer Funktion in der Rezeptur – befeuchten, regulieren, peelen, beruhigen. Sie erkennen sie an ihren Namen: Glycerin, Sodium Hyaluronate, Niacinamide, Panthenol, Squalane, Ceramide NP, Zinc PCA, Salicylic Acid, Ascorbic Acid.

Der Duftstoff dagegen ist für den Geruch da. Meist steht er schlicht als Parfum (Fragrance) in der Liste – ein Sammelbegriff, der mehrere Dutzend Moleküle umfassen kann, ohne dass Sie erfahren, welche. Direkt danach sehen Sie manchmal Limonene, Linalool, Citronellol, Geraniol. Das sind aromatische Allergene, die im Parfum oder in ätherischen Ölen stecken und ab den gesetzlichen Schwellenwerten deklariert werden müssen (0,001 Prozent in Produkten ohne Ausspülen, 0,01 Prozent in Produkten zum Ausspülen). Keine Wirkstoffe.
Der Reflex, den Sie sich angewöhnen sollten: Gehen Sie die Liste bis zum Eintrag „Parfum“ durch und schauen Sie, was danach kommt. Taucht dort Ihr Star-Wirkstoff auf, lohnt ein genauerer Blick: Er kann niedrig dosiert sein, doch die Reihenfolge nach der 1-Prozent-Schwelle ist keine absolute Garantie. Steht er davor, zählt er stärker für die Rezeptur.
Der Handgriff, den ich im Laden mache
- Ich suche Aqua. Es steht fast immer ganz vorn – ein Zeichen, dass ich eine Emulsion oder ein Serum vor mir habe.
- Ich lese die nächsten fünf Namen: Das ist die eigentliche Identität des Produkts.
- Ich suche den Wirkstoff, den meine Haut braucht. Steht er unter den ersten zehn, ist das ein gutes Zeichen.
- Ich höre nicht vor dem Listenende auf: Die letzten Inhaltsstoffe sind oft niedrig dosiert, doch manche starken Wirkstoffe oder Konservierungsmittel wirken schon in geringer Konzentration – sie sind nicht zwangsläufig nur Dekoration.

Und ich vergleiche zwei Produkte, die gleich aussehen. Zwei Seren mit identischem Listenanfang sind oft dasselbe: Es lohnt nicht, zweimal für dieselbe Pflege zu zahlen.
Was Sie je nach Haut suchen
Fettige Haut oder zu Unreinheiten neigend: Niacinamide, Zinc PCA, Salicylic Acid. Und achten Sie darauf, ob schwere Öle früh in der Liste auftauchen.

Trockene oder gespannte Haut: Glycerin, Squalane, Ceramide NP, Panthenol, pflanzliche Öle am Anfang der Liste.
Reaktive Haut: kurze Rezeptur, wenig oder kein Parfum, Vorsicht bei ätherischen Ölen. Im Übrigen entscheidet Ihr eigener Test – nicht das Etikett.
Budget
Die gute Nachricht: Eine INCI-Liste zu lesen kostet nichts! Für ein Serum oder eine Feuchtigkeitscreme können Sie in der Drogerie mit etwa 8 bis 20 Euro rechnen, in der Apotheke mit 15 bis 35 Euro und in der Parfümerie oder im Onlineshop mit 25 bis 70 Euro. Feste und nachfüllbare Pflegeprodukte liegen häufig zwischen 10 und 30 Euro, wobei die Nachfüllpackung meist günstiger ist als der komplette Tiegel.
Was den Preis beeinflusst: die Stadt, der Vertriebsweg, die tatsächliche Wirkstoffkonzentration und die Verpackung. Wo Sie fündig werden: Drogerien und Reformhäuser für schlichte Formate, Apotheken für reaktive Haut, Parfümerien und Markenshops für den Rest.
Unnötige Käufe vermeiden
Ein Produkt, das auf der Packung mit einem Wirkstoff wirbt und ihn am Ende der Liste versteckt, können Sie sich ziemlich sicher sparen. Ebenso eines, das genau dieselbe Funktion erfüllt wie eine bereits geöffnete Flasche in Ihrem Badezimmerschrank.
Der Handgriff, der alles verändert, ist dieser: Wenn Sie das nächste Mal zwischen zwei Flaschen schwanken, schauen Sie nicht auf die Vorderseite. Drehen Sie sie um. Die INCI-Liste ist seit Jahren stabil und dürfte sich so schnell nicht ändern. Ihre Haut dagegen kann sich weiterentwickeln.
Quellen
- Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel – EUR-Lex.
- Europäische Kommission, Datenbank CosIng.
- Europäische Kommission, „Kennzeichnung kosmetischer Mittel“.





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